Kommentar zu: Wo wollen wir radfahren?

Die Zeit-online veröffentlichte am 16. Mai einen Artikel zum Thema Fahrradinfrastruktur. Sie berichten über einen Auftritt des ADFC-Geschäftsführers Burkhard Stork auf dem Berliner Vivavelo-Kongress. Stork stellte fest, dass sich nur etwa 5% der Radfahrer sich auf dem Fahrrad sicher fühlen und Fahrradinfrastruktur müsse daher vielleicht völlig neu gedacht werden.

Andrea Reidl interpretiert das so: Entgegen der gängigen Exptertenmeinung müssen Radwege stärker von der Autoinfrastruktur abgegrenzt werden als das in Deutschland der Fall ist. Na gut, so direkt sagt sie das nicht, sondern stellt nur die Frage ob das der richtigere Weg wäre. Eine Frage wird jedoch nicht gestellt. Warum fühlen sich Radfahrer auf der Straße unsicher? Die Antwort darauf ist offensichtlich und soll hier nicht weiter diskutiert werden. Vielmehr geht es mir um die zwei Videos, die im Artikel verlinkt sind (über Eidhoven und Portland) und ihre These untermauern sollen. In diesen Videos wird aber vor allem eines deutlich: Wir haben noch sehr, sehr viel zu lernen!

Wer ist in München schon mal mit dem Rad zum Hauptbahnhof gefahren um es dort für einige Nächte abzustellen? Genau! In Eidhoven hat man in zentraler Lage ein rießiges, kostenloses, bewachtes Fahrradparkhaus gebaut. In Portland gibt es kostenlose, bewachte Fahrradparkplätze an denen das Personal noch kleinere Pannen beseitigt während man unterwegs ist (OK, das allerdings nur gegen Aufpreis). Bei uns hingegen stehen an jedem Bahnhof (und an den zentralen Bahnhöfen ganz besonders) einige Fahrräder mit zertretenen Felgen, die alle Jahre beseitigt werden. Ein öffentlicher Ort in München, an dem ich mein Fahrrad guten Gewissens längere Zeit abstellen kann… Gibt’s sowas???

Das Video aus Eidhoven zeigt auch die vom Autoverkehr getrennte Infrastruktur. Das sind nicht etwa die 1-2 Meter breiten Radwege parallel zur Straße, wie man sie in München kennt, sondern ganze Straßenzüge, die frei von Ampelkreuzungen und motorisierten Verkehr in jeder Richtung quer durch die Stadt führen. Und dort wo sich PKWs und Fahrradfahrer gemeinsam bewegen, sind 3 Meter breite Radwege. Wohlgemerkt, pro Fahrtrichtung. Die (zumindest gefühlt) am meisten befahrene Fahrrad-Route in München, der Radweg entlang der Isarwestseite, hat nicht die halbe Qualität dessen, was man in den Videos zu sehen bekommt.

Natürlich, Frau Reidl, Fahrrad- und Autoverkehr laufen in den gezeigten Videos getrennt aber wie sie das ausdrücken – „Dort wird der Radverkehr auf der Straße klarer von den Autos abgegrenzt als in Deutschland.“ – ist es falsch. Dort nämlich wird der Autoverkehr auf der Straße klarer von den Radfahrern abgegrenzt. Gegen Autoverkehr der Abseits von Fahrradstraßen, auf denen man in jede Richtung zu viert nebeneinander fahren kann, hat auch hier kein Radfahrer Einwände. Dort wo solche Lösungen jedoch auf politischen Widerstand stoßen (also quasi überall) fordern die Experten zurecht die sicherste Alternative. Keine abgetrennten Radwege wo es keinen objektiven Sicherheitsgewinn gibt.

Der Radweg an der Rosenheimer Straße

Der Stadtrat hat entschieden. Die Rosenheimer Straße bekommt vorerst keinen Radweg und die Anwohner sind verärgert. Während man sich überall in der Stadt gegen benutzungspflichtige Radwege empört, kämpfen die Haidhausener um Einen. Und beides hat seine Berechtigung, denn eine Verwaltungsvorschrift zur StVO sagt:

Benutzungspflichtige Radwege dürfen nur angeordnet werden, wenn ausreichende Flächen für den Fußgängerverkehr zur Verfügung stehen. Sie dürfen nur dort angeordnet werden, wo es die Verkehrssicherheit oder der Verkehrsablauf erfordern. Innerorts kann dies insbesondere für Vorfahrtstraßen mit starkem Kraftfahrzeugverkehr gelten.

An der Rosenheimer Straße wäre ein benutzungspflichtiger Radweg tatsächlich angebracht. Nur hat er, nach ansicht der CSU und SPD dort keinen Platz. Statt dessen will man nochmal alternative Routen prüfen und wissen, ob man die Parkplätze wirklich braucht. Dabei wurde von einem Gutachter versichert, dass es den Verkehr nicht merklich behindern würde. Am Beispiel der Kapuzinerstraße, sieht man ja auch, dass es geht. In einer anderen großen autofahrerfreundlichen und radfahrerfeindlichen Stadt – Hamburg – hat man es gewagt, eine viel befahrene Straße von vier auf zwei Spuren zu verkleinern. Und die Hamburger sind zufrieden. Viele Leute haben sogar das Gefühl, der Verkehr würde jetzt irgendwie flüssiger rollen.

Dabei geht es hier bestimmt nicht nur um mehr Sicherheit auf der Straße, sondern auch um mehr Lebensqualität. Weniger Hupen, weniger Autos, weniger Verkehr und bessere Luft sind Dinge, die sich Anwohner wünschen. Ich persönlich finde es unsäglich, was sich der Stadtrat hier erlaubt. Es existiert ein gutes Konzept für die Rosenheimer Straße. Eine Umgestaltung ist für die Sicherheit, nicht nur der Radfahrer, nötig. Und unsere Politiker vertagen eine Entscheidung auf die ferne Zukunft, bzw. haben sich bereits deutlich gegen die Wünsche der Münchner entschieden. Meiner Meinung nach, gibt es jetzt eine Hand voll Alternativen wie es weiter geht.

  1. Wir sitzen es aus. Es wird so lange nichts gemacht, bis sich die Aufregung gelegt hat und es geht weiter wie bisher. Das ist die dumme Variante.
  2. Man bekennt Farbe. Die Rosenheimer Straße, so wie sie momentan gestaltet ist,  ist für den Radverkehr ungeeignet. Deshalb kann man sie auch für Radfahrer sperren und durch Polizeikontrollen sicherstellen, dass das auch einghalten wird. Das wäre die einfachste Variante.
  3. Oder aber, man nimmt ein paar Liter Farbe in die Hand und malt einen Radweg. Das geht über nacht. Wenn sich zeigt, dass es nichts taugt, dann entfernt man die Markierung (auch über nacht) wieder und kann sich noch zwischen 1) und2) entscheiden. Das ist die mutige Variante.

Ich persönlich bevorzuge Variante 4. Die Rosenheimer Straße muss entsprechend dem Vorschlag (Seite 7, Variante b) umgestaltet werden. Ich habe deswegen mal einen Petition vorbereitet. Wer das gut findet, kann sich die Vorlage ausdrucken und sich bei mir melden, wenn sich ein paar Unterzeichner gefunden haben. Mal schauen, ob sich was tut.

PetitionRosenheimerStr

Edit: Es gibt jetzt eine Online-Petition. In Zeiten des Internets natürlich viel bequemer.

https://www.openpetition.de/petition/online/jetzt-radfahrstreifen-in-der-rosenheimer-strasse-sicheres-radeln-braucht-platz